Die Koexistenz des Ordens mit religiösen Gruppierungen

Dass der katholische Klerus nicht immer geschlossen gegen die Freimaurerei stand, zeigen zahlreiche Logenlisten aus dem 18., auch noch manche aus dem frühen 19. Jahrhundert. Reinhold Taute hat in seiner Schrift „Die katholische Geistlichkeit und die Freimaurerei“ mehr als 500 Namen teilweise sehr prominenter katholischer Geistlicher zusammengestellt, die dem Bund angehörten, ein Verzeichnis, das seither in den verschiedensten Ländern wesentlich ergänzt worden ist. Interessanterweise zeigen sich diese geistlichen Freimaurer, darunter höchste Würdenträger (Bischöfe, Erzbischöfe), die trotz der päpstlichen Bullen vielfach führende Stellungen in Logen bekleideten, in besonderer Stärke nach Aufhebung des Jesuitenordens (1775). Es waren sowohl Ordensleute, Pfarrer, Kaplane, Äbte, Domherren und Pröpste darunter. Einige Klöster und Abteien hatten eigene Logen (z. B. die Zisterzienserabtei in Clairvaux. Die Loge „Zu den drei Disteln“ in Mainz bestand eine zeitlang hauptsächlich aus Geistlichen; den Stiftern der Loge „Friedrich zu den drei Balken“ in Münster gehörten Domherren und bischöfliche Räte an und in Hildesheim, Kassel, Breslau, Giegen, Fulda und Köln waren Zierden des Klerus eifrige Freimaurer. Die Erfurter Loge „Karl zu den drei Rieden“ wurde 1783 unter Mitwirkung des späteren Fürstprimas Dahlberg gestiftet und nach vorübergehender Schließung 1803 im Peterskloster in der Wohnung des Prälaten und Abtes Placidus Muth wieder eröffnet. Die Loge „Charit Loire“ wurde ausschließlich von Benediktinern gegründet, in die „Parfaite Union“ in Rennes wurden allein 1785 zwölf Geistliche aufgenommen; diese Loge unterstützte in nicht geringem Umfang kirchliche Werke. Auch in den meisten anderen Ländern lassen sich zahlreiche ähnliche Beispiele anführen. Geistliche Mitglieder hatten fast alle rheinischen Logen, ferner Hannover, München, Paderborn, Posen, die Bauhütten in Österreich und Ungarn. In Wien verzeichnete die Loge „Zur Beständigkeit“ in ihren Mitgliederlisten zwei k. k. Hofprediger, den Rektor eines Priesterseminars und zwei Domherren; der Loge „Zur gekrönten Hoffnung“ gehörten dreizehn Geistliche an, den Budapester Logen „Zur Großmut“ und „Zu den sieben Sternen“ ein Bischof, vier Mönche, ein WeItgeistlicher, mehrere Pfarrer. Ähnlich lagen die Dinge in Prag, Brünn, Graz, Innsbruck, Linz, Zagreb usw. Auch in der Schweiz, in Belgien, in Frankreich, selbst in Italien, Spanien, Portugal und Südamerika fand die Freimaurerei stets zahlreiche Anhänger unter dem Klerus. Von den katholischen Priestern, die Taute namentlich anführt, seien folgende genannt: Johann Baptist Bertini, Rektor des Generalseminars für Bildung und Erziehung des tirolischen Klerus; Johann Baptist Graf Auersperg, Fürstbischof von Passau; Fürsterzbischof Bevie von Lüttich; Dominikus von Brentano, Hofkaplan und geistlicher Rat des Fürstabtes Honorius zu Kempten; Johann Michael Brigido von Breswitz, Auszuschließend von Laibach; Abbe Cordier de St. Firmin, Paris, der Voltaire in seine Loge einführte; Gottlob Amandus Freiherr von Dalberg, Geheimrat des Fürstbischofs von Speyer; Johann Friedrich Hugo Freiherr von Dahlberg, Domkapitular zu Trier, Worms und Speyer; Karl Theodor Anton Maria Reichsfreiherr von Dahlberg, letzter Kurfürst von Mainz und Kurerzkanzler, später Fürstprimas des Rheinischen Ordens und Großherzog von Frankfurt; der Jesuit Lorenz Leopold Haschka, Professor der Ästhetik am Wiener Theresianum, Dichter der von Haydn komponierten österreichischen Volkshymne, der dann später allerdings zum heftigen Gegner wurde; Urban Hauer, Abt des berühmten Benediktinerstiftes Melk in Niederösterreich, der fast alle Mönche seiner Abtei dem Bund zuführte und auf seinem Sterbebett anordnete, man solle ihn mit Schurz und Kelle, zugedeckt mit dem geistlichen Habit, in den Sarg legen und sodann den Sarg mit dem Meisterhammer zunageln! Johann Josef Klampt, Kanonikus und Dompfarrer in Glogau; Abbe Franz Liszt, der große Komponist; Erzbischof Podowski von Gnesen; Nikodem Pucyna, Fürstbischof von Wilna, Louis Rene Edouard Prinz von Rohan, Kardinal Fürsterzbischof von Straßburg; Maximilian Verhovac, Erzbischof von Agram, dessen Bild noch heute in der seinen Namen tragenden Loge hängt; Franz Karl Graf von Wellbrück, Fürstbischof von Lüttich. Noch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war ein katholischer Pfarrer am Niederrhein Meister vom Stuhl einer Loge.

  1. Katholische Geistliche: Die schnelle Ausbreitung der Freimaurerei nach ihrer Organisation in Großlogen rief von Seiten der katholischen Kirche wie des Staats Kritik und zahlreiche Verbote hervor. Am 28. April 1738 erließ Papst Clemens XII. gegen die Freimaurerei den Bannfluch (Päpstliche Bulle In eminenti apostolatus specula). Papst Benedikt XIV. erließ am 18. Mai 1751 eine zweite Bulle (Providas), in der er die Reinheit der katholischen Religion gefährdet sah, da in der Freimaurerei Menschen jeder Religion Aufnahme finden. Die folgenden Papste erneuerten dies in diversen Enzykliken, dabei taten sich vor allem die Päpste Pius IX. und Leo XIII. - etwa in der Enzyklika Humanum genus - durch ihre besonders schweren Verdammungen hervor. Auf der anderen Seite stellte der Klerus naturgemäß die energischsten und fanatischsten Kämpfer gegen den Freimaurerbund; das militante Antifreimaurertum des Katholizismus steht bis zum heutigen Tag immer unter geistlicher Führung.
  2. Evangelische Geistliche: Der Anteil der protestantischen Geistlichkeit an der Freimaurerarbeit ist teilweise sehr rege. Namentlich in den angelsächsischen Ländern, wo die Ämter des Großkaplans und des Logenkaplans (Grand Chaplain, Chaplain) nach Möglichkeit mit Brüdern geistlichen Standes besetzt werden und ein großer Teil der Erzbischöfe und Bischöfe der anglikanischen Kirche hohe freimaurerische Würden bekleidet. In der Großloge „Alabama“ sind unter 53.000 Mitgliedern 1550 Geistliche verschiedener protestantischer Kirchen. Auch in Deutschland, Holland und anderen kontinentalen Ländern ist der Anteil evangelischer Geistliche am freimaurerischen Wirken erfolgreich; nicht selten findet man Pfarrer als Großmeister oder Träger anderer bedeutender Funktionen. Gelegentlich vertreten sie den humanitären Gedanken in besonders liberalem Sinn (in der unmittelbaren Gegenwart z. B. die publizistisch hervortretenden Deutschen Schenkel und Kaiser und der Holländer Junod). Ein protestantischer französischer Pastor, Desmons, war es, der den Grand Orient de France dazu bewog, das Symbol des Großen Architekten des Universums, welches seiner Auffassung von unbedingter Gewissensfreiheit widersprach, fallen zu lassen. Die evangelische Orthodoxie freilich betrachtete die Freimaurerei immer mit etwas scheelem Blick. Es hat dieser daher auch in deren Reihen nicht an grimmigen Gegnern gefehlt. In den Nachkriegsjahren ist diese Feindschaft in Deutschland sogar noch wesentlich verstärkt worden. Völkisch eingestellte Geistliche machten, teilweise unter dem Einfluss Ludendorffs, der auch die protestantischen Pfarrer, die Logen angehören, als „künstliche Juden“ bezeichnet, sehr heftig Front gegen die Königliche Kunst; der Landesbischof von Mecklenburg verlangte von seinen Pfarrern, die Freimaurer waren, Lossagung vom Bund, wogegen sich jedoch eine Reihe von Geistlichen aufs schärfste verwahrte.
  3. Jüdische Geistliche: Die jüdisch Orthodoxie lehnt die Freimaurerei aus den gleichen Erwägungen ab wie die katholische Kirche, d. h., sie behauptet Gefährdung der Glaubensreinheit. Aus den liberalen Richtungen des Judentums gehören dagegen, besonders in Amerika, Rabbiner dem Bund an.
  4. Griechisch orthodoxe Geistliche: Zahlreiche Priester und Bischöfe, auch mehrere Patriarchen gehörten bzw. gehören dem Bund an. So der griechische Nationalheld Erzbischof Germanos von Patras, der 1820 den griechischen Freiheitskampf vorbereitete und dann der provisorischen Regierung angehörte, und in der Gegenwart der Patriarch von Alexandrien, Meletius, und der frühere ökumenische Patriarch von Konstantinopel.
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