Die Rosenkreuzer

Johann Valentin Andreae (1586-1654), evangelischer Theologe und Dichter, war in verschiedenen kirchlichen Ämtern tätig, bevor er 1650 von der Leitung der württembergischen Kirche ausgeschlossen wurde. Den dogmatischen Kämpfen seiner Zeit ablehnend gegenüberstehend, forderte er in seinen zahlreichen Schriften eine innere Erneuerung des Christentums. Die „Rosenkreuzer“ tauchen zum ersten Mal in seiner frühen Schrift „Fama Fratemitatis oder Bruderschaft des Hochlöblichen Ordens des R. C.“ (1614) auf. Dieses Werk handelt von einem höchst mysteriösen, angeblich 1378 geborenen Christian Rosenkreutz, der gegen Ende des 14. Jahrhunderts eine Wallfahrt nach Jerusalem unternommen haben soll und unterwegs in Damaskus und später in Fez in die uralten geheimen Weisheiten und Erkenntnisse der Araber eingeweiht worden sein soll. In Deutschland habe er dann später mit drei Klosterbrüdern und vier anderen Genossen die Bruderschaft des Rosenkreuzes mit dem Zweck gegründet, die Kirche zum Urchristentum zurückzuführen und die menschliche Wohlfahrt in Staat und Kirche zu begründen. Ein verborgenes Haus Sancti Spiritus habe den Brüdern als Zufluchtsstätte gedient. Diese seien dann in verschiedene Länder gezogen, um dort neue Adepten zu gewinnen und Nachfolger ausfindig zu machen. Als Rosenkreutz 1484 im Alter von 106 Jahren gestorben sei, habe zwar niemand seine Grabstätte gekannt, aber die Bruderschaft habe dennoch fortgelebt. Erst 120 Jahre später sei im Hause Sancti Spiritus das Grabgewölbe des Ordensstifters und in diesem die Geheimnisse der Rosenkreuzer entdeckt worden, die nun geoffenbart werden sollten. Johann Valentin Andreae stellte ferner die Behauptung auf, dass diese geheime Bruderschaft mit ihren reformatorischen Tendenzen immer noch bestehe. Ihr Wortsymbol laute RC - Rose und Kreuz. Andreaes eigenes Verhältnis zu den Rosenkreuzern steht nicht fest. Bewiesen ist jedoch, dass schon bald nach dem Erscheinen der „Fama Fraternitas ...“ Kritik laut wurde: Andreae habe sich eine Erfindung geleistet, denn diese Bruderschaft habe niemals bestanden. Andreae habe nur eine Satire auf die alchimistisch-theosophische Schwärmerei der von Propheten, Wundermännern, Spiritistin, Astrologen, Gesundbetern, Sektierern usw. seltsam erregten Zeit schreiben wollen. Andererseits fand Andreae jedoch auch großen Anklang, von ihm und seinem Kreis sind die ersten Rosenkreuzerschriften ausgegangen. Eine Flut von Pamphleten und Büchern, die hauptsächlich von Alchemie handelten und deren Verfasser sich durchwegs als „Mitglieder der alten Rosenkreutzerschaft“ bezeichneten. Männer wie Comenius, A. v. Franckenberg, Jungius, Hartlib usw. waren äußerst interessiert. Christian Rosenkreutz jedoch scheint nicht Wirklichkeit gewesen zu sein, sondern nur das Idealbild des Pansophen Andreae, der diese Gesellschaft gleichgesinnter Männer mit dem Mittelpunkt Christus erst gründen wollte: eine Gemeinschaft, einen internationalen Bund, in dem frei von allem Parteigeist und aller Streitsucht die christliche Freiheit unter dem Bande der Liebe die edlen Menschen umschlingen sollte. Dieses Gedankengut und eine damit verbundene Symbolik haben immer wieder das Interesse an Rosenkreuzer-Bruderschaften angeregt. So auch den berühmtesten englischen Rosenkreuzer, den Arzt und Alchimisten Robert Fludd (1574-1637). Dieser begründete mit einem Kreis Intellektueller zu einer Zeit, da das Rosenkreuzertum in Deutschland bereits wieder spurlos verschwunden war, die „mittleren“ Rosenkreuzer. Eine eigene Mischung von Wissenschaftlichkeit und Träumerei drängte ihr Tun stark auf spiritualistisches Gebiet. Durch Verwandlung und Veredlung der Natur sollte die „Generalreformation der ganzen Welt“ herbeigeführt werden. Das Traumbild dieser Rosenkreuzer war ebenfalls die ideale Gemeinschaft, die höchstes menschliches Glück verbürgte, wobei das Rosenkreuz seine große symbolische Bedeutung behielt. Während dem Ziel der Vollkommenheit nach rosenkreuzerischer Sicht durch das unbewusste Wachsen in der Natur näher gekommen wird, so bei den Freimaurern durch das planvolle Wirken des Menschen. Beide Strömungen haben sich ergänzt und vermischt, daher findet sich auch so viel symbolisch Gemeinsames. (Vgl. Hochgrade 18. Grad!) Eine kontinuierliche Entwicklung der Rosenkreuzer lässt sich während des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nachweisen.

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