Ziele der Freimaurer gestern und heute

Ich möchte Ihnen mit einer sogenannten „Legaldefinition“ antworten, die ich der Verfassung der „Großloge des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Österreich“ entnehme: „... Freimaurer, die in bruderschaftlichen Formen und durch überlieferte rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung erstreben.“ In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, für Brüderlichkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft und der Erziehung hierzu. Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut. Freie Meinungsäußerung ist Voraussetzung freimaurerischer Arbeit. „Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden, sie bilden keine Glaubensgemeinschaft.“ Diese Zielsetzung hat in den vielen Jahrhunderten, in welchen es die Freimaurerei gibt, keine grundsätzliche Veränderung erfahren. Natürlich haben sich Formen, Gebräuche und Aufgabenstellungen im Laufe der Zeit gewandelt und aktualisiert. Als Mitträger der Aufklärung waren die Logen und die in ihnen verbundenen Freimaurer Vorreiter in einst so revolutionären Anliegen wie Demokratie, Menschenrechte, Gewaltenteilung usw. Anliegen, die zumindest formell in modernen Gesellschaften westlicher Prägung heute als verwirklicht gelten. Die Herausforderungen in unserer Gesellschaft sind vielleicht nicht so spektakulär wie beispielsweise der Gegensatz Republik contra absolutistische Monarchie, sie sind viel subtiler, sicher jedoch nicht einfacher lösbar. Egozentrik, Vermassung, Konsumdenken, vor allem jedoch die ungeheure Vereinsamung vieler Menschen, Orientierungslosigkeit, Scheu vor Verantwortung, geistige Verarmung und Zukunftsängste sind nur einige Schlagworte für Krankheitssymptome unserer Gesellschaft. Hier versucht die Freimaurerei erzieherisch und durch Hilfestellungen über das einzelne Mitglied gegenzusteuern. Die brüderliche Verbundenheit, das gemeinsame Erleben, die Gewissheit, dass die freie Äußerung in der Loge vertraulich behandelt wird, vermitteln dem einzelnen Bruder Freimaurer das Rüstzeug, in seinem Umfeld und nach seinen Möglichkeiten dazu beizutragen, dass seine Umwelt ein wenig menschlicher wird. Das sind kleine Schritte auf dem Weg zu unserer (niemals realisierbaren) Utopie: „Alle Menschen werden Brüder“. Über Freimaurerei sind mehr als hunderttausend dicke Bücher geschrieben worden. Das Thema ist nahezu unerschöpflich. Ich hoffe trotzdem, Ihre Frage einigermaßen erschöpfend beantwortet zu haben. Wenn Sie sich allerdings näher mit dem Thema beschäftigen, werden Sie feststellen, dass hier wie auf vielen Wissensgebieten eine beantwortete Frage mehrere neue aufwirft: Haben Sie keine Hemmungen, fragen Sie ruhig weiter. Kritisch angemerkt wird oft, dass die erwähnten gemeinsamen Ziele und Werte doch recht allgemein formuliert seien. Ich sage dazu: Das ist richtig. Wir arbeiten mit unscharfen Begriffen. Das ist unvermeidlich, wenn man die Gegenposition zum Dogmatismus einnimmt. Wer genau definiert, was dazugehört, definiert gleichzeitig genau, was ausgeschlossen wird. Wir vermeiden solche Festlegungen und überlassen die Entscheidung jeweils dem Einzelfall. Noch einmal zu den Zielen: Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch Ziele haben soll - privat, beruflich usw. Vielleicht sind die Ziele eines Freimaurers deshalb etwas schwer zu verstehen, weil sie utopisch sind. Wir „bauen am Tempel der Humanität“. Um unserer Utopie „alle Menschen werden Brüder“ ein klein wenig näher zu kommen, versucht der Freimaurer, an sich zu arbeiten, „seinen rauen Stein zu behauen“, damit er sich besser „in den Bau einfüge“. Ganz prosaisch, nicht in der Terminologie des Freimaurers ausgedrückt: Wenn ich meine Persönlichkeit optimiere, gewinne ich an Ausstrahlung und Einfluss, was mir hilft, in meinem sozialen Umfeld und nach meinen individuellen Möglichkeiten auf die Gesellschaft einzuwirken, sich in Richtung einer humanistischen Lebensgestaltung zu bewegen. Und wenn Ihnen diese Zielvorgabe zu unrealistisch, zu unerreichbar erscheint, haben wir es auch etwas kleiner: Wir wollen diese Welt ein wenig menschlicher gestalten, jeder von uns, so gut er kann.